Vernissage

12.05.2017 18:00 Uhr

Georg Thumbach ist anwesend.

Einführung in das Werk von Georg Thumbach vom Publizist und Kunstkritiker Wilhelm Christoph Warning:

Guten Abend, meine sehr verehrten Damen und Herren.
Ins Holz. Dahin darf ich Sie nun begleiten, wie ein Fremdenführer. Sie in dem nächsten Viertelstündchen mitnehmen in eine Gegend, die Ihnen sicher vertraut und gleichermaßen völlig fremd sein dürfte.
Ins Holz.
Auf den ersten Blick scheint alles klar. Georg Thumbach beschäftigt sich, das zeigt uns die formale wie inhaltliche Fülle seiner Werke hier um uns, seit Jahren schon mit diesem Thema. Holz.
Aber: so einfach ist das nicht. Hier dringt ein großartiger Zeichner, ein Maler, ein Bildhauer – ein Künstler in viel tiefere Gefilde vor und entzieht sich mit seinen Arbeiten raschen Zuschreibungen. Ja, er ist, wenn man so will, auch ein Holzbildhauer. Davon zeugt jenes aufregend zarte, geradezu fragile, aufgefächerte Objekt, das in seiner leichten, eleganten Wölbung an den Flügelschlag eines Urvogels oder eines Schmetterlings (so der Titel) erinnern könnte, der in der Bewegung verharrt, und dessen elegante, minimalistische Form trotz möglicher Assoziationen abstrakt ist, reduziert auf Form und Raum und damit auch Zeit zeigt. Zeit, angehaltene Zeit, die dieses wundersame Objekt, betrachtet man es länger, spürbar und beinahe begreifbar werden lässt. Stillstand und Bewegung, Schweres und Leichtes, Konstruktives und Zerbrechliches kommen da zusammen und bilden ein höchst poetisches Kunstwerk, das ganz prosaisch, aus Holzbrettern besteht. Seine stupende Schönheit ist Ergebnis eben dieses Zusammenspiels der genauestens berechneten, zubereiteten und austarierten Bretter, ist Ergebnis eines exakten Schaffens- und Bearbeitungsprozesses, der wohl überlegt sein will und ganz im Gegensatz zu der Anmutung vieler anderer Arbeiten Thumbachs zu stehen scheint. In denen ergründet der Künstler das chaotische, das wild wuchernde Wachstum draußen, in der Natur, mit ihren unberechenbaren Strukturen, mit der ganzen Wucht ihrer in geradezu barocker Fülle berstender und zuweilen fast geheimnisvoller Erscheinungsformen.
Der Künstler führt sie sich selbst – und uns vor Augen. Er dringt dazu in vielfacher Weise optisch in eine Tiefe, obwohl doch in dieser Wildnis jedes Eindringen unmöglich zu sein scheint. Daran lässt er uns teilhaben mit seinen Bildern, seinen Zeichnungen, seinen Skizzen. Sie nehmen uns mit in eine undurchschaubare Welt, voll wilder, ungezügelter Schönheit, die manchmal beinahe buchstäblich atemberaubend ist. Man kann das auch als Innensicht des Menschen auf Seelisches, auf Existenzielles sehen. Dann werden die Werke zu einer Art von Spiegel, in den wir blicken.
Sie merken, dass ich Sie auf ein komplexes Terrain führe, voll unterschiedlichster Entdeckungen, Erfahrungen, Erkenntnisse, Widersprüche. Der Weg „ins Holz“, wohlgemerkt kein Holzweg in des Wortes übertragener Bedeutung, ist mithin beschwerlich, aufregend, zuweilen gefährlich und ganz sicher eines nicht: Einfach und einfach strukturiert. Wie das bei Wegen, die ins Holz führen, da draußen in der Natur auch so ist.
Denn „Holz“ ist nicht nur ein sprachlicher Begriff für ein spezifisches Material. Der Ausdruck „Holz“ steht in Bayern, woher Georg Thumbach stammt, auch für den Wald. Jemand, der „ins Holz“ geht, geht in den Wald, in der Regel, um dort zu arbeiten. Deshalb wird bei uns der Waldarbeiter eben „Holzknecht“ genannt, und es gibt in der Kunst- wie in der Literatur- wie der Kultur- und Sozialgeschichte ungezählte Bilder, Berichte und Abhandlungen über die Härte und Gefahren, die dieser Beruf mit sich brachte. Auch galt der Wald Jahrhunderte lang, ähnlich wie die Berge, als lebensfeindliches und auch gefahrenreiches Gebiet. Davon erzählen zahlreiche Märchen, Sagen und Mythen. Erst im 19. Jahrhundert wurde er, nicht zuletzt eben wegen seiner abweisenden Unberührtheit und Undurchschaubarkeit, zum romantischen Topos. Georg Thumbach hat 2002 mit seiner Arbeit „mit Rücksicht auf Friedrich“ darauf Bezug genommen: Der Künstler ließ an einem ausgesägten Fichtenstammstück, das er entkernt hatte, „am einen Ende eine dünne Sägewand“ stehen, wie der Kunsthistoriker Wolfgang Ulrich es formulierte. Auf diese dünne Holzscheibe wird ein Film projiziert. Deshalb kann man, durch ein Loch auf der anderen Seite in den Stamm blickend, in rötlichem Licht als Schattenriss diesen Film betrachten. Zunächst sieht man, wie der Stamm gesägt wird und das abgeschnittene Stück wegklappt. Es gibt damit gewissermaßen den Blick frei auf Caspar David Friedrichs „Tetschener Altar“ mit dem tannenumstandenen Kreuz im Gebirge. Diese Betrachtung wird freilich gestört, weil einer der Bäume, vielleicht der, aus dem die Skulptur stammt, gefällt wird und fallend den Bick verdunkelt. Aus dem Dunkel erscheint die Säge, und alles beginnt von vorne als immer wiederkehrende Endlosschleife.
Zeitebenen sind – wie in anderen Arbeiten Thumbachs – auch hier vielfach ineinander verschlungen. Mit dem Titel „mit Rücksicht auf Friedrich“ spielt er er nicht nur auf die Romantik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts an, sondern erinnert auch an die in der Kunst- und Ideengeschichte wie Theologie diskutierte Bedeutung dieses weltberühmten Bildes. Der Mensch in seiner Einsamkeit vor der Natur, vor Gott, der unerreichbar scheint. Diese Szenerie, oder sagen wir, diese Idee wird von Thumbach als traumartige Handlungsfolge in ein von der Natur gebildetes Kunstwerk verlegt. So, wie eine Erinnerung an verklungene Naturromantik, die nur noch als verschwommene Sehnsucht immer wieder auftaucht, bis sie wieder verdunkelt wird.
Denn, ganz klar, Georg Thumbach sieht das Holz nicht als Romantiker. Nicht nur, weil er weiß, wie gefährdet die Natur um uns ist. Er ist kein Baumumarmer. Im Gegenteil: Sein Blick ist der des Künstlers, der die Polaritäten sucht, die Spannungen und Widersprüche, der am Bild interessiert ist und der herausfinden möchte, wie weit er gehen kann, wann Chos zur Ordnung wird und Ordnung sich im Chaos auflöst. Der interessiert daran ist, wie weit Ungestaltetes, Zufälliges Gestalt bekommt.
So geht er ins Holz, in den Wald, sitzt am Feld, vor oder auf der Wiese, jedenfalls der Natur, zeichnet, malt dort, oft vor Ort, zuweilen aber auch im Atelier. Entscheidend ist, dass er sich künstlerisch immer ganz dicht der unfassbaren Fülle der Formen nähert. Er sucht sie zu durchdringen, indem er dieses optische wie tatsächliche Dickicht, dass sich ihm bietet zu Papier oder eben auf das Holz bringt, es künstlerisch formuliert, es mit seinen Mitteln strukturiert, ihm damit eine bestimmte Ordnung gibt, eine Spannung, einen Ort im begrenzten Raum des Malgrundes. Des Papiers, der Holzplatte, dem Holz selbst. Wo aber ist dann der Mittelpunkt des Bildes, wie kann er es aufbauen, so dass wir, die Betrachtenden, das Gefühl eines Gegenübers haben, selbst wenn wir beim Betrachten der Bilder uns vorstellen könnten, dass das Gezeigte in seiner Fülle viel weiter, viel größer, weit hinaus über diesen Malgrund ginge. Die Pflanzen, die Äste, die Bäume, die jenseits des Papiers weiterwuchern. Wo setzt der Künstler da Grenzen, und warum? Wieso bleibt der Eindruck der Fülle in der Begrenzung, und wieso sehen und erleben wir vor den Werken auch eine Entgrenzung?
Denn merkwürdig genug, stellt sich trotz größter Enge in Thumbachs Bildern dieses Gefühl einer Entgrenzung ein. Und es entsteht Stille, auch Stillstand, wie stete Gegenwart. Zeit scheint nicht zu vergehen, mitten im Gehölz, in der nicht ergründbaren Dichte und Weite des Waldes, oder der Wiese….
Das ist eigenartig. Denn Georg Thumbach nimmt uns, die Betrachtenden, mit seinen Zeichnungen hinein in ein Über und Über eines Gewirrs aus Wachsendem und Verfallendem. Das hat nichts Ausschnitthaftes, denn der Künstler konfrontiert uns mit einem ganz eigenen, geradezu abstrakten All Over, mit dem er seine Blätter, seine Malgründe überzieht. Angesichts dieser Strukturen kann man fragen: Ist das noch Natur, also die Komplexität der Wiese, des Feldes, des Waldes – wie ähnlich sich diese Strukturen sind! –  oder schon reiner Gestus des Zeichnenden, Malenden, der aus seinem Unbewussten, aus dem Zufälligen erwächst und den er doch gestaltend, mithin ordnend zu Papier bringt?
Eine Herausforderung jedenfalls für uns, sich zurechtzufinden, dort, im Holz, und diese Bilder zu lesen: Unwillkürlich beginnen die Augen, in diesem chaotischen Geflecht einen Halt in Bekanntem zu suchen: Man erkennt erleichtert Stämme, Äste, Blätter, und registriert Überlagerungen, wie bei einem Gang durch einen Windbruch. Man sucht die vertraute, schon gesehene Struktur, will sich im Wirrwarr zurecht finden, Orientierungspunkte haben, froh um Benennbares, um gestürzte Bäume, geknickte Äste, um Boden und Himmel und den Blick in die Ferne. So tastet man sich vor, will eindringen. Und doch wehren die meisten Werke mit ihrer komplexen Dichte den Blick ab, trotz ihrer illusionären Tiefe. Diese Zeichencodes, die das Bild bedecken, bilden in der geradezu barocken Verschlungenheit ihrer Formen eine nahezu undurchdringliche, fast schwirrende, vibrierende, Fläche.
Ein Hin und Her zwischen Eindringen und Abgestoßen werden, zwischen Verbergen und Öffnen. Begrenzung und Entgrenzung. Und zwischen Figuration und Abstraktion.
Da verliert sich unversehens die Vertrautheit. Das Motiv hat sich, wie der Künstler sagt, verselbstständigt, ist als wiedererkennbarer Gegenstand zurückgetreten und ins Abstrakte geraten. Georg Thumbach bildet nicht ab. Er transzendiert vielmehr das Vorgefundene auf eine andere Ebene, die nichts Erzählerisches mehr hat. Die uns keine Geschichte bietet. Nicht einmal so ein: schau her, wie der Wald aussieht. Im Holz. Oder: siehe die komplexe Natur des Löwenzahn in großer Nahsicht. Nicht einmal die abstrakte Schönheit des Gesehenen, also etwa Blüten oder Blätter oder Stängel zeigt uns der Künstler, als die Schönheit des Mikrokosmos, sondern er begibt sich mitten hinein in das Chaos des ungeordnet Scheinenden und präsentiert uns im Erkennbaren auf delikate Weise eine abstrakte Struktur.
Das Landschaftliche steht nicht mehr im Vordergrund, sondern das Auge reicht tiefer. Schon im Schaffensprozess geschieht das, wenn Georg Thumbach vor Ort steht, rastlos arbeitend, weil sich das Licht verändern könnte und das Wetter, er also einen Anfang setzt und ein Ende, weil ihm im Arbeiten draußen nur dieses Zeitfenster zur Verfügung steht. Wenn er hinsieht, wahrnimmt und das Wahrgenommene umsetzt, auf seine, eben figurativ und zur gleichen Zeit abstrakte Weise, entsteht Bewegungs- und Zeitloses. Was auf den ersten Blick tönt wie eine bekannte Melodie, wird, wenn das Auge, das Ohr tiefer reicht, zu einem abstrakten Klang.
Insbesondere drängt sich das auf angesichts der Bilder, denen Grobspanplatten wie beim Bau zugrunde liegen. Denn Georg Thumbach folgt in der Arbeit nicht mehr den vorgefundenen Strukturen in der Natur, sondern denen des industriell zerschnittenen, dann zusammengepressten, verdichteten und verleimten Holzes, das doch aus dem Wald stammt. Oder widersteht diesen Strukturen beim künstlerischen Bearbeiten. Hier fällt dem Künstler das Chaos, das geordnete Ungeordnete gleichsam zu. Die OSB- Platten, als Baustoff produziert, entstehen aus Holz, das zerstört wird. Durch die großen Späne, die bei dieser Zerstörung entstehen, kann dann eine neue, entsprechende Passform produziert werden. Ein Prozess: Ordnung – Chaos – Ordnung. Welcher Struktur das Chaos aus hölzernen Fasern beim Pressvorgang folgt, ist dabei zufällig.
Und so nutzt Georg Thumbach beides zur selben Zeit, wenn er die Platten als Malgrund nimmt und sie in Mischtechnik bearbeitet, ihren eben zufälligen Strukturen folgt, um dann eigene aus ihnen zu entwickeln. Damit stellt er die Betrachter auf andere Art hinein in das All Over eines Wirrwarrs, eines Tohuwabohus, das seine Spannung durch die gleichzeitige Ordnung bezieht, mit der der Künstler den Raum des Mal- und Zeichengrundes, der OSB-Platte strukturiert.
Auch auf diesem Weg setzt sich der Künstler damit dem Spannungsfeld zwischen Chaos und Ordnung aus. Dabei verlässt er jede Figuration und ist sichtbar fasziniert von der Abstraktion. Zudem greift er die Flächigkeit der Platte auf, und die hohe Undurchdringlichkeit des Materials, die jeden Blick abprallen lässt, schafft aber durch seine künstlerische Bearbeitung einen schier unergründlichen Raum, der größte Tiefe vermuten lässt. Also eine weitere polare Beziehung: Die von Fläche und Tiefe.
Es sind die vielfachen Spannungen, die Georg Thumbach durch die Polaritäten in seinen Bildern zusammenbringt und die, auch wenn es nicht so scheint, Grundlage sind von Poesie und, ja, Harmonie. Denn Harmonie, die wir gerne mit Wohlklang gleichsetzen, gar mit einer Idylle, hat mit der, etwas flapsig gesagt, süßen rosa Himbeersauce dieser Definition nichts zu tun. Harmonia, so weiß es der Mythos, ist Tochter der zarten Schaumgeborenen, wie Homer die Aphrodite poetisch nennt und des wilden und streitsüchtigen Ares. Sie steht für die Einheit, er für die Entzweiung. Entsprechend wies Heraklid um 500 vor Christus schon darauf hin, dass sich die Fruchtbarkeit der Welt aus den Polaritäten entwickle und sagte:
„Das Widerstreitende ist vorteilhaft und aus dem Wesensverschiedenen erwächst die schönste Harmonie, wie eben alles aus Gegensätzlichem entsteht.“
Und definierte Harmonie, in dem er feststellte:
„Das, was sich voneinander unterscheidet, steht gleichzeitig im Einklang: Harmonie besteht aus der Spannung zwischen Gegensätzen wie der zwischen Bogen und Leier.“
Die Spannung zwischen den Gegensätzen. Wie aber gelingt es Georg Thumbach sie in einem Bild zu einem eben spannungsvollen Ganzem zusammen zu fügen und zusammen zu halten und der jeweiligen Arbeit die nötige Spannung, Kraft und Dynamik zu geben, damit sie nicht ins gleichförmig Ornamentale abrutscht?
Eine der vielen möglichen Antworten gibt der Künstler selber, wenn er notiert: „Als Zeichner schaue ich von außen nach innen. Ich zeichne vom ganz Hellen zum ganz Dunklen, bewege mich in die Tiefe.“
Er beschreibt damit eine Bewegung, die wir als Betrachtende hier in der Ausstellung nachvollziehen können, wenn wir von außen nach innen schauen, uns in die Tiefe bewegen. Ein meditativer Vorgang, denn das bedeutet „meditari“, sich vertiefen.
Aber wo beginnt man zu blicken?
Denn in der chaotisch scheinenden Enge auf den Bildern vermitteln sich eben auch eine ungeheure Weite und ein nicht absehbarer Raum hinter dem verstellten Blick.
Als ich, meine sehr verehrten Damen und Herren, vor wenigen Tagen in der überaus spannenden Ausstellung mit den Werken des Photographen Thomas Struth im Münchner Haus der Kunst stand, vor seinen „Paradies“ – Bildern, präzise gesagt vor einigen wesentlichen aus seiner Serie „New Pictures from Paradise“ wurde mir die Seelenverwandtschaft der Arbeiten dort und hier schlagartig klar. Struth steht im Dschungel, zeigt das wuchernde Chaos, die Urlandschaft mit seinen Mitteln, denen des Fotografen. Und Georg Thumbach geht ins Holz – um dort von der gleichen existenziellen Bedeutung angesprochen zu werden. Bei Struth sind die großformatigen, geradezu abstrakten und doch überwältigend kraftvoll realen Bilder im Bild-Raum der Ausstellung zusammengefasst – wie auch hier bei Thumbach. Beide nehmen uns, die Betrachtenden, mit unserem Sehen und Wahrnehmen hinein in das Bild, den Raum der Bilder. Georg Thumbach nimmt uns uns um uns ins Holz – was sogar wörtlich geschieht, wenn wir durch ein Holz blicken und uns ein neuer Mikro-Raum umgibt, der doch im Sehen wie ein Markro-Raum wirkt. Ich spreche von der Arbeit „Bogen“, die streng abstrakt und doch unglaublich körperlich real und realistisch ist – schon weil wir dem Objekt körperlich nahe kommen um hinein zu blicken. Ein Seh-Weg öffnet sich, der schlund- oder aderngleich wirkt durch das innere des Holzes, und der sich ad infinitum fortsetzen könnte. Ein Seh-Weg ins Holz eben, der, obwohl Weg ja Bewegung voraussetzt, bewegungslos und in gänzlicher Stille erfahren wird. In dem Holz, so scheint es, gibt es keine Zeit, obwohl es mit den Jahresringen gewachsen ist.
Es geht, das zeigt sich, Georg Thumbach vor allem um die Kunst, das Zeichnen, Malen, das Arbeiten. Die Frage, wann ein Bild zum Bild wird. Thomas Struth bewegt die selbe Frage. Und wie Thumbach sucht er Spannungspole zwischen Chaos und Ordnung nicht nur in der Natur. Etwa, wenn er in seiner Werkgruppe „Nature and Politics“ das Bild bis an den Rand mit kompliziertem und komplexen technischen Gerät anfüllt, das für Versuchsanordnungen oder Herstellungsprozesse mit einer unübersichtlichen Fülle an Kabeln und Schläuchen und in scheinbar chaotischer Form miteinander verbunden ist. Sieht man diese Bilder in der Nachbarschaft zu seinen Paradise Fotos, wird einem klar, wie sehr es um Fragen  von Form und Raum geht, eben danach, wann ein Bild ein Bild wird, ohne die Spannung zu verlieren und auseinander zu fallen. Eben darum kreist auch Georg Thumbach mit seiner Arbeit, der bei seinen großen Formaten, die im Atelier entstehen, den Zeichen- oder Malprozess unterbrechen muss, um auf eine Leiter zu steigen und die nötige Seh-Distanz zum gerade Entstandenen zu haben. Er ringt mit seinen Bildern, mit der Farbigkeit, die immer mehr im Vordergrund steht. Und mit seinem Inneren, wenn er ganz gegenwärtig im Augenblick mit der Hand auf dem Malgrund vertieft arbeitet, um dann zurück zu treten und zu analysieren, distanziert zu blicken und sich, neu herausgefordert, wieder in der malenden Bewegung zu vertiefen. Chaos und Ordnung, Zeit und Zeitlosigkeit, Stille, Figuration und Abstraktion, Nähe und Distanz. Georg Thumbachs künstlerisches Arbeiten gleicht einem inneren Erkenntnisweg, denn mit jedem Bild, jeder Arbeit gewinnt er sichtbar neue Erfahrungen, neue Einsichten, weil er sich nicht routiniert auf Altes verlässt, sondern sich immer neu herausfordert, um Lösungen zu finden, das menschliche Sein zwischen Chaos und Ordnung im Zeichnen, Malen, im Arbeiten auszuloten. Dabei ist er sich stets der Möglichkeit bewusst, damit zu scheitern. Er ist eben einer, der „ins Holz“ geht und sich dafür alles abverlangt.
Früher, wenn die Bauern in den Wald gingen, zogen sie ihren Hut, aus Respekt vor der gewachsenen Natur und vor den Bäumen.
Georg Thumbach zollt dem Holz auf existenzielle Weise seinen Respekt durch seine Kunst. Davon zeugen die Werke hier um uns und davor ziehe ich meinen Hut.

 


 

 

Außerdem danken wir für die Unterstützung: